Personenmarke zwischen Aufmerksamkeit und Auffindbarkeit.

Jahrzehntelang entschied ein Türsteher, wer als Marke sichtbar wird. Social Media und der Influencer haben ihn abgeschafft. Die KI bringt ihn zurück. Diesmal entscheidet nicht der lauteste Auftritt, sondern was greifbar und belegt über dich auffindbar ist.

Drei beleuchtete Türen vor schwarzem Hintergrund. Links die Presse, in der Mitte ein Influencer und Türsteher-Figur, rechts die KI mit Auge und Textfeld. Titel „Wer erklärt die Welt?".

Der neue Mittler im Zeitalter der KI-Suche

Verona Feldbusch war eine Marke, bevor das Wort für Menschen normal war. Die faz nannte sie „eine Marke für sich". Über genau diese Frage habe ich meine Bachelor-Thesis geschrieben: lässt sich der Markenbegriff auf einen Menschen übertragen. Die Antwort war ja, mit einer Bedingung. Eine Person braucht einen Mittler, der sie sichtbar macht und in ein Licht setzt. Damals war dieser Mittler die Presse.

Ein Satz stand am Ende meiner Arbeit fett auf der Seite. Produkte werden passiv vermarktet. Personen sind aktiv an ihrer Vermarktung beteiligt. Ein zweiter Befund war unbequemer: beim Aufbau einer Personenmarke nehmen Image und Medien die wichtigsten Rollen ein. Die Leistung ist sekundär. Eine Person, schrieb ich damals, kann sich nur durch Berichterstattung positionieren.

Zehn Jahre später bekommt dieselbe Frage einen neuen Adressaten.

Drei Wellen. Ein Türsteher

Erste Welle: klassische Medien. Auch Verona musste sich inszenieren, sie war keine passive Figur. Aber Bekanntheit lief über TV, Radio und Print, und dort saßen die Türsteher. Eine Redaktion entschied, ob du in die Sendung darfst. Ein Casting entschied, ob du als Moderatorin oder Schauspielerin passt. Ohne dieses "Ja" kein Publikum.

Zweite Welle: Social Media. Das "Ja" fällt weg. Jeder nimmt ein Smartphone in die Hand und filmt sich beim Sport, beim Kochen, beim Abnehmen, auf Reisen. Einmal mit CapCut zusammengeschnitten, und los. Das klingt leichter, als es ist. Es braucht Übung und Planung.

Dritte Welle: der Influencer. Aus dem Hobby wird Ernst. Redaktionsplan, inszenierte Aufnahmen, jede Sekunde auf Reichweite und Bekanntheit gerechnet. Dieselbe Arbeit wie beim Sender, nur ohne Sender. Niemand castet dich. Du castest dich selbst. Die Tools standen offen. Sie stehen heute immer noch offen.

Der Influencer ist nicht der Gegenentwurf zur alten Medienmarke.
Er ist sie ohne Redaktion.

Die feine Unterscheidung

Eine Audience aufzubauen ist Arbeit. Und viele Influencer haben Substanz: Fachwissen, eine Community, die sie aufgebaut haben, Bildungsinhalte, Unternehmertum. Der Punkt ist nicht, dass da nichts ist. Der Punkt ist die Form, in der es vorliegt.

Die Währung der Aufmerksamkeit ist nicht zwangsläufig die der Auffindbarkeit.

Selbstinszenierung lebt vom Auftritt, vom Moment, vom Zuschauen. Vieles davon liegt im Sehen, nicht im Dokument. Und was nicht dokumentiert ist, greift ein Modell schwer auf.

Genau hier sitzt mein alter Befund von 2016. Sichtbarkeit lief über das Bild, die Leistung war sekundär. Der Influencer hat das perfektioniert, indem er die Presse aus der Gleichung gestrichen hat.

Und jetzt kommt die KI

Nicht als vierte Welle derselben Bewegung. Als Umkehr.

Die Presse war der Mittler. Der Influencer hat ihn abgeschafft. Die KI baut einen neuen.

Der Türsteher kommt zurück. Aber er kann nicht zuschauen. Er liest. Über KI werden heute Produkte verglichen, Dienstleister ausgewählt. Das Modell greift dabei nicht auf den Auftritt zu, sondern auf das, was greifbar und belegt über sie auffindbar ist. Es wägt zwei Dinge ab: was du selbst hinterlässt und wer dich bestätigt.

Wer ein Jahrzehnt reines Image gebaut hat, ist plötzlich exponiert. Die Bühne war zehn Jahre offen. Der Index ist es nicht. Ein Auftritt lässt sich nicht crawlen. Die Spur, die er hinterlässt, schon. Wo diese Spur dünn ist, steht im Index wenig. Oder nichts.

Selbstbild gleich Fremdbild

In meiner Arbeit stand eine Bedingung über allem: eine Marke ist stark, wenn Selbstbild und Fremdbild übereinstimmen. Markenphilosophie und Markenimage. Was du über dich sagst, und was andere von dir denken.

Das Selbstbild ist die greifbare, belegbare Substanz, die du selbst auffindbar machst. Mit Position, klar genug, dass ein Modell sie aufgreifen kann. Das Fremdbild ist, wie das Netz über dich spricht. Backlink, Erwähnung, Zitation in einer Quelle, der das Modell traut. Die Presse ist nicht tot. Sie ist ein Signal geworden. Die Mund-zu-Mund-Propaganda aus meiner Thesis ist der Link-Graph.

Zitiert und gefunden wirst du erst, wenn beide Hälften zusammenpassen. Substanz, die du auffindbar machst, plus Belege, die andere setzen. Und hier die unbequeme Präzisierung: ein Modell bewertet keine Qualität. Es wägt Muster, Häufigkeit, Quellenlage, Verknüpfungen. Es kann jemanden mit großer Substanz übersehen, wenn sie schlecht dokumentiert ist. Und jemanden mit dünner Leistung hochspielen, wenn genug über ihn geschrieben wurde.

KI belohnt nicht die größte Substanz. Sie belohnt die dokumentierte.

Das Modell hatte recht

Im Mai habe ich mich im Modell gesucht. ChatGPT führte mich als Nachhaltigkeits-Bloggerin.

Das war nicht falsch. Ich habe Jahre freiberuflich für nachhaltige und Bio-Marken gearbeitet, Rezepte geschrieben, über das Thema gebloggt, mich engagiert. Ich lebe das bis heute, nur mit vielen Learnings dazwischen. Das Modell lag nicht daneben.

Es hatte recht. Über eine Elfie von gestern.

Mein Selbstbild war weiter. Mein Fremdbild im Index stand still. Die alte Spur war crawlbar, belegt, jahrelang gepflegt. Die neue Position war jung und dünn belegt. Kein Image-Problem. Ein Tempo-Problem. Selbstbild und Fremdbild waren auseinandergelaufen, und das Modell glaubte der Mehrheit der alten Daten.
Mit meiner Arbeit als Independent Communication Consultant habe ich für meine Kunden Kommunikationsstrategien entwickelt und umgesetzt und dabei meine eigene vernachlässigt.

Porträt von Elfie Schürfeld-Todor. Eine Gesichtshälfte warm beleuchtet, die andere löst sich in blaue Index- und Datenzeilen auf.

Markenkommunikation und Markenstrategie müssen sich neu aufstellen

Die Antwort darauf ist nicht, die Vergangenheit zu löschen. Und nicht, das neue Medium zu meiden.

Markenkommunikation und Markenstrategie müssen sich neu aufstellen, weil nicht mehr die klassischen Medien entscheiden und auch nicht mehr die offene Bühne allein. Wer sichtbar bleiben will, zieht das neue Kapitel nach. Substanz, die crawlbar ist. Belege, die andere setzen.

Das Ziel: Selbstbild und Fremdbild wieder zur Deckung bringen, in einem Medium, das liest statt schaut.

Mit der Technik und der Wissenschaft, nicht gegen sie. Die KI, die mich falsch einsortiert hat, ist dieselbe, mit der ich es korrigiere.

Der Mensch war nie das passive Produkt. Das galt 2016, das gilt für den Influencer, das gilt für GEO. Was sich ändert, ist der Mittler und das, was er belohnt.

Die Frage ist nicht mehr nur, wie Menschen dich sehen. Sondern welche Version von dir im Index lebt.

Quellen, Bildnachweis & Methode

Quellen

Eigene Grundlage

  • Schürfeld-Todor, E. (2016). Der Mensch als Marke. Eine Untersuchung zur Übertragbarkeit des Markenbegriffs auf den Menschen (The human as brand name. A survey on the transferability of brand name to humans). Bachelor-Thesis.

Markentheorie

  • Herbst, D. (Hrsg.) (2003). Der Mensch als Marke. Konzepte, Beispiele, Experteninterviews. 1. Auflage, Göttingen. Grundlage für die identitätsorientierte Lesart und die These, dass Image und Medien die Personenmarke tragen.
  • Mellerowicz, K. (1963). Markenartikel. Die ökonomischen Gesetze ihrer Preisbildung und Preisbindung. 2. Auflage, München/Berlin. Klassische merkmalsbezogene Markendefinition, die sich nicht eins zu eins auf Menschen übertragen lässt.
  • Hannemann, M. (faz.net, 2001). „Verona Pooth. Eine Marke für sich."

Weiterführend

Bildnachweis

Header (drei Türen, „Wer erklärt die Welt?"): Konzept und Komposition: Elfie Schürfeld-Todor. Brand-Palette Violett und Gelb auf Schwarz. KI-gestützte Bildgeneration auf Basis eines eigenen Briefings, nachbearbeitet. Die Illustration ist stilisiert und nicht fotorealistisch, eine Kennzeichnungspflicht nach EU AI Act Art. 50 besteht daher nicht.

Porträt im Text: Konzept und Komposition: Elfie Schürfeld-Todor. Eine Gesichtshälfte als Foto, die andere löst sich in Index- und Datenzeilen auf. KI-gestützte Bearbeitung eines eigenen Fotos. Fotorealistische Komposition, daher gekennzeichnet. Image: AI-edited composite with ChatGPT, based on an own photo. (Labelled ahead of EU AI Act Art. 50.)

Methode

Dieser Insight ist im Dialog zwischen mir und einem KI-Modell entstanden. Der Ausgangspunkt war meine eigene Bachelor-Thesis von 2016. Die Thesen, die Position und die Auswahl sind meine. Das Modell war Sparringspartner und Co-Autor. Es hat geschärft, widersprochen, Quellen vorgeschlagen und Entwürfe geliefert, die ich überarbeitet habe. Zitate und Belege sind gegengeprüft. Augmentation, nicht Automation.